Carl Happich (Gründer)

Carl Happich (1878-1947)

Carl Happich wurde am 19.04.1878 in Speckswinkel geboren und verstarb am 18.06.1947 in Darmstadt. Er war ein deutscher Freimaurer, Gynäkologe, dirigierender Arzt des Darmstädter Elisabethenstiftes, Meditationslehrer und -therapeut. Er ist heute fast vergessen, obwohl er zu den Pionieren moderner Meditationspraxis in Deutschland gehört. Er entwickelte neue Formen der Meditation, die er in der Psychotherapie und für spirituelle Reformprojekte im Rahmen der Freimaurerei und der evangelischen Kirche einsetzte. Seine Versuche waren im Milieu von Brückeninstitutionen angesiedelt, die zwischen traditionellen Organisationen mit religiösen Zielen und modernen Formen der Lebensgestaltung im säkularen Bereich zu vermitteln versuchten.

Über Carl Happichs Kindheit ist wenig bekannt. Der Pfarrer »Friedrich Happich« war sein Bruder. Er wurde Chefarzt in Darmstadt nachdem er ein Medizinstudium in Marburg sowie in München absolviert und zeitweise als Assistenzarzt in der gynäkologischen Klinik der »Universität Marburg« gearbeitet hatte. Er war verheiratet und hatte eine Tochter, Ingeborg verheiratet Haller (1910–1996). Nach dem Ersten Weltkrieg war er Gausanitätsleiter des Stahlhelm Bund der Frontsoldaten. Am 23.06.1918 wurde er Freimaurer.

Er war Gründungsmitglied sowie der erste Vorsitzende Meister (1921-1930) der Johannis-Freimaurerloge »Zum flammenden Schwert« in Darmstadt. Seine meditativen aber auch mystischen Ansätze werden dort immer noch gepflegt. »Erwin Rousselle« und »Karl Bernhard Ritter« waren ebenfalls Mitglieder derselben Johannis-Freimaurerloge und der Andreasvereinigung »Custodes Templi«. Nach seiner neunjährigen Hammerführung in der Johannis-Freimaurerloge hatten sich die Mitgliederzahlen von 16 Gründern auf 47 Mitglieder erhöht: 7 Ehrenmitglieder, 30 Wirkliche Mitglieder, 5 Auswärtige Mitglieder, 4 Ständig besuchende Brüder und 1 Dienender Bruder. Nach der Schließung aller Freimaurerlogen in Deutschland durch die Nationalsozialisten ab 1935 wurde er unter Beobachtung genommen.

Carl Happich war Mitbegründer der 1920 von »Graf Hermann Keyserling« ins Leben gerufenen »Schule des Weisheit«, die Keyserling auf Einladung des ehemaligen Großherzogs »Ernst Ludwig von Hessen« und mit seiner Unterstützung sowie der Unterstützung des Verlegers Otto Reichl gründete. Zu den prominenten Förderern des Vorhabens gehörte »Thomas Mann«. Die Arbeit in der »Schule des Weisheit« bewog ihn, am Buch »Das Okkulte«, welches 1923 veröffentlicht wurde, als Koautor neben Keyserling und »Graf Kuno Hardenberg« mitzuwirken. Zwischen 1921 und 1924 wurden in der »Schule des Weisheit« regelmäßige, mehrtägige Exerzitien und Meditationsübungen durchgeführt, deren Schöpfer und Leiter der Philosoph und spätere Sinologe Erwin Rousselle war, der ebenfalls derselben Darmstädter Johannis-Freimaurerloge angehörte. 1922 gründete er die Darmstädter Andreasvereinigung, welcher er von 1922 bis 1935 vorstand, die ihm bei der Erarbeitung seiner Meditationsansätze anhand von Kreuzen (besonders anhand des Andreaskreuzes) half. Carl Happichs Buch »Anleitung zur Meditation«, welches 1938 veröffentlicht wurde, ist u.a. ein Resultat der Arbeit in der Andreasvereinigung. Er gehört zu den Unterzeichnern des 1926 erschienenen Berneuchener Buches. Ab 1930 lehrte er in der »Berneuchener Bewegung« Meditation und 1931 war er mit »Wilhelm Stählin« und Karl Bernhard Ritter Gründungsmitglied der »Evangelischen Michaelsbruderschaft«.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann Carl Happich neben seiner ärztlichen Arbeit auch psychotherapeutisch tätig zu werden. Er selbst bezeichnete seine Arbeit als »therapeutische Meditation«. 1932 veröffentlichte er im »Zentralblatt für Psychotherapie« einen für die Zeit verblüffenden und höchst innovativen Beitrag: Das Bildbewußtsein als Ansatzstelle psychischer Behandlung.

In der evangelischen Kirche sowie in der Freimaurerei wirkte Carl Happich als spiritueller Reformer. In der Freimaurerei versuchte er mittels spezieller Übungen, einen neuartigen Umgang mit den freimaurerischen Symbolen und Ritualen zu eröffnen. Er verstand die Grundbedeutung der Meditation als »Gang in die Mitte«. In die Mitte gehen, bedeutete für ihn, dass Sich-bewusst-sein des Verstandes zu verlassen und den Gang ins seelische Zentrum anzutreten. Dabei ist heute klar, dass es sich hier um eine Beschreibung einer bestimmten Handlung, die während der ersten sechs Grade (von zehn Graden) der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland in den rituellen Arbeiten immer wieder vollführt wird. In der Mitte des Tempels befindet sich eine Arbeitstafel (auch Arbeitsteppich genannt). In der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland besitzt jeder Grad eine eigene Arbeitstafel. Während im Tempel der Gang in die Mitte fassbar nachgestellt wird, um dem Freimaurer eine Art Initialzündung für den seelischen Gang in die Mitte zu geben, so soll der meditative Weg ins seelische Zentrum das Bewusstsein verändern. Der Bereich des rationalen Denkens sei laut Carl Happich eine Errungenschaft neuerer Zeit, die sich am stärksten in der Zeit der Aufklärung herauskristallisiert hat. Dadurch überwiege heute das Denkbewusstsein …

…ihm zugrunde (dem Denkbewusstsein) liege eine archaische Schicht des Bewusstseins, die Happich „Bildbewusstein“ nennt. Unter »Bildern« versteht er sinnenhaft anschauliche, überwiegend visuelle Phantasien und Erinnerungen. Das Bildbewusstsein fungiert bei ihm als Zwischenschicht zwischen dem Unbewussten bzw. dem in dessen Tiefe verborgenen bildlosen Seelengrund und dem Denkbewusstsein. […] Beim gesunden Menschen finde ein dauernder Ausgleich zwischen Denk- und Bildbewusstsein statt.

vgl. Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie herausgegeben vom interdisziplinären Zentrum für Historische Anthropologie. Freie Universität Berlin. Band 22. 2013. Heft 2. Herausgeber Almut-Barbara Renger und Christoph Wulf. Akademie Verlag. S. 59.

Er benutzt in seinen Schriften Kreuze als Projektionsfläche für Meditationen. Es wird deutlich, dass sein meditativer Ansatz aus der Sicht eines Andreasmeisters (VI. Grad) geschrieben ist, aber für die Belange eines jedermanns sind, der sich um Meditation bemüht. Carl Happich hat seinen praktischen Bezug zur Meditation durch Kreuze wahrscheinlich aus seinem freimaurerischen Umfeld hergeleitet. Das zentrale Thema bleibt dabei das Andreaskreuz.

Die von Carl Happich entwickelten Selbstpraktiken, die er in seinem Buch »Anleitung zur Meditation« beschreibt, bieten eine Wirklichkeitsentfaltung auf Ebene des allegorischen Denkens, eines neuen Verständnisses von Symbol und Gleichnis und nicht zuletzt als Vermittler der erfahrbaren Wirklichkeit Gottes. Der natürliche Ausgleich zwischen beiden Bewusstseinsarten (Denk- und Bildbewusstsein) ist laut ihm verloren gegangen und müsse durch Meditation wieder erlernt und antrainiert werden. Ein Teil davon vermag z.B. das freimaurerische Ritual mit auf den Weg zu geben, aber einiges bleibt auf der Strecke; geschuldet dem starren Rahmen eines Rituals. Carl Happich geht einen Schritt weiter und ergänzt das freimaurerische Ritual und bedient sich dabei der Meditation über verschiedene Arten von Kreuzen als Hilfsmittel; so wie sich die Freimaurerei der Rituale als Überträger ihrer moralischen Grundvorstellungen bedient.

Carl Happichs Wirken und Vermächtnis wurde einerseits in der Evangelischen Kirche bewahrt, andererseits lässt sich geschichtlich und posthum belegen, dass der 1932 im »Zentralblatt für Psychotherapie« veröffentlichte Artikel, 1948 Einfluss auf Hanscarl Leuners (1919-1996) Katathym-Imaginative Psychotherapie ausgeübt hat. Wolfgang Kretschmer schrieb 1951 einen einflussreichen Aufsatz, der Happichs Ansätze in der angloamerikanische Psychotherapie bekannt machte. Roberto Assagioli (1888-1974) bezog sich in seinem Buch »Psychosynthethis« (1965, S. 304-315) an mehreren Stellen auf ihn. Kretschmers Aufsatz führte schließlich 1969 dazu, dass Happich ein Begriff blieb. Charles Tarts Reader nahm Kretschmers Aufsatz in Altered States of Consciousness auf, ein zentrales Werk der frühen transpersonalen Psychologie. Damit wurde Happichs Therapeutische Meditation ebenfalls Teil der gegenkulturellen Psychotherapie-Szene der 1960er und 1970er Jahre.