Andreas der Apostel

Das gesamte Wesen des IV. bis VI. Grades ist dem Apostel Andreas gewidmet. Andreas ist der Bruder des Simon Petrus und ein Freund des Apostels und Evangelisten Johannes. Andreas gilt als Gründer des ökumenischen Patriarchats der Kirchen des Ostens. Er war vom Beruf her Fischer und wohnte am See von Galiläa in Kafarnaum. (vgl. Markus 1, 29) Nach dem Johannes-Evangelium ist er der erstberufene Apostel und führt seinen Bruder Simon Petrus zu »Jesus von Nazareth«. (vgl. Johannes 1, 41) Bei der Erzählung von der Brotvermehrung fällt ihm die Aufgabe zu, auf den Jungen mit den Broten und Fischen hinzuweisen. (vgl. Johannes 6) Andreas und Philippus sind Fürsprecher für die Griechen, die Jesus sehen wollen. (vgl. Johannes 12, 22) Andreas erfuhr die »Religion oder Lehre Jesu Christi« nicht nur als erster, sondern er erfuhr sie auch in ihrer pursten und reinsten Form von Jesus selbst.

Eine Legende des 4. Jahrhunderts überliefert sein Martyrium in der griechischen Stadt Patras. Andreas sei am 30. November an einem schrägen Kreuz gestorben; daraus wurde das Andreaskreuz. (vgl. Georg Ott. Legende von den lieben Heiligen Gottes, nach den besten Quellen neu bearbeitet und herausgegeben. Abendsberg 1863) Er soll es zudem gewesen sein, der zu seinem Bruder Simon Petrus sagte: »Wir haben den Messias gefunden.« (vgl. Johannes 1, 41)

In allen Abteilungen unseres Ordens spielt die Gestalt des Apostels Andreas und sein schräges Kreuz (crux decussata) eine zunehmend bedeutende Rolle. Auf dem Reißbrett in der Johannisloge sehen wir dieses Kreuz, es wird im Ritual immer wieder gemacht, z. B. durch die Aufseher mit ihren Degen. Daß es in der Andreasloge entsprechend vorkommt, ist selbstverständlich, …

vgl. Klaus C. F. Feddersen: ANDREAS in der Symbolgeschichte des Freimaurerordens nebst einem Exkurs über das Johanniskreuz – Eine Studie. Flensburg, Juni 1991. Seite 1.

Das Patronat des Andreas‘ über die Andreas-Freimaurerlogen kann aber auch aus einer anderen geschichtlichen Entwicklung abgeleitet werden. Die Andreas-Freimaurerlogen haben auch den Beinamen »Schottische Logen« oder »Schottenlogen«. Der Schutzheilige der Schotten ist St. Andrew, also der Heilige Apostel Andreas. Aus geschichtlichen Verwicklungen wurde die Legende verbreitet, dass sich die Tempelherren bzw. die Tempelritter über Schottland vor ihrer vollständigen Vernichtung retteten und später in der Geschichte Schottlands und Englands zur Entwicklung der Freimaurerei beitrugen:

Angeblich soll der König Robert I. Bruce von Schottland den Diestelorden gegründet haben, derselbe, der die flüchtigen Templer aufgenommen hatte. Der schottische König Jacob I. soll ihn im Jahre 1087 organisiert haben. Er war ein Ritterorden und entsprach etwa dem englischen Hosenbandorden. […] Offiziell hieß er »The Most Ancient and Most Noble Order of The Thiestle« und führte den Apostel stehend in einer flammenden Sonne, in seinen Händen das Andreaskreuz haltend. Das Kreuz war grün emailliert, das Band mit den Diesteln war ebenfalls grün. Die Mitglieder waren elú, d.h. Auserwählte …

vgl. Klaus C. F. Feddersen. ANDREAS in der Symbolgeschichte des Freimaurerordens nebst einem Exkurs über das Johanniskreuz – Eine Studie. Flensburg. Juni 1991. Seite 2-3.

Jesus wurde in der frühen Kirche im Symbol der Sonne verehrt; und dieser wachsenden Sonne schloss sich als erster Andreas an. Nur durch standhafte Übung von Verschwiegenheit und Vorsichtigkeit aber auch durch Mäßigkeit und Barmherzigkeit kann ein Andreasbruder zum wachsenden Licht gelangen, so wie geschrieben steht: Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? So jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr. (vgl. 1. Korinther 3, 16-17)

Das kommt deutlich in der Tatsache zum Ausdruck, dass sich die Johannisloge mit dem Tempel Salomos beschäftigt, während die Andreasloge die Symbolik des zerstörten Tempels umfaßt, wobei nun eben seine vornehmste Aufgabe ist, den zerstörten Tempel auf seinem Grundsteine wieder aufzubauen.

vgl. Klaus C. F. Feddersen. ANDREAS in der Symbolgeschichte des Freimaurerordens nebst einem Exkurs über das Johanniskreuz – Eine Studie. Flensburg, Juni 1991. Seite 6-7.

Andreas der Apostel war ein einfacher Fischer, aber ihn trieb seine Gottsuche zu Johannes dem Täufer. Er war wohl ein bescheidener und demütiger Mann, dem es als Jünger eine Herzensaufgabe war, die Menschen zu seinem Meister zu führen. Er war der erste, verankert im Alten Bund, der sich bewusst dem Neuen Bund zuwendete. Johannes der Täufer repräsentiert den Alten Bund und Andreas der Apostel steht für das Aufkeimen des Neuen Bundes. Als Johannes der Täufer in Bezug auf Jesus sagte: »Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.« (vgl. Johannes 3, 30) bezog er sich auf das Symbol der Sonne.

Die drei Bedeutungsebenen in der Freimaurerei:
Wie in der Freimaurerei gängig, gibt es (mindestens) drei Bedeutungsebenen, die den Zugang zum eigenen Innersten weisen können:

  • (Woher komme ich?) In der 1. Bedeutungsebene steht der Alte Bund für die alte Religion, nämlich für die jüdische Religion. Der Neue Bund steht für die neue Religion, nämlich für die christliche.
  • (Wer bin ich?) In der 2. Bedeutungsebene zeigt sich, dass der Alte Bund, das alte Leben im Neuen Bund fortwirkt.
  • (Wohin gehe ich?) In der 3. Bedeutungsebene tritt deutlich zutage, dass der Tod kein Ende, sondern einen Neubeginn darstellen soll. Der Neue Bund, fußend auf den Alten, findet darin erst seinen Anfang.

Andreas der Apostel war offen dafür, das Alte mit dem Neuen zu ergänzen, um dem Eckstein den Weg zu bereiten. (vgl. Psalm 118, 22; Sacharja 4, 7; Matthäus 21, 42; Apostelgeschichte 4, 11; 1. Petrus 2, 7) Der Apostel Andreas steht für den Anfang des Neuen Bundes. Freimaurerisch-rituell geschieht das alles bereits in der Andreas-Lehrlings-Mitbruder-Loge (IV./V. Grad). Darum die zentrale Stellung des Apostels und des nach ihm benannten Kreuzes in der Andreas-Freimaurerloge und in der Freimaurerei überhaupt.

Dr. med. Carl Happich beschäftigte sich z.B. meditativ mit den drei Bedeutungsebenen des Andreas-Kreuzes und ist zu folgenden Ausführungen in seinem Buch »Anleitung zur Meditation« gelangt:

1. Bedeutungsebene:
Zunächst bedeutet das Zeichen eine römische Zehn, das Zeichen der zehn Gebote, des Gesetzes, der Forderungen Gottes an uns. Es sind nicht nur die einfachen zehn Gebote des Alten Testamentes gemeint […], sondern es ist gemeint die Forderung, die Gott heute in unserem Leben an uns stellt und die Forderungen, die in einer viel wahreren und geistigeren Art das Neue Testament uns entgegenhält. Jeder, der innerlich mit sich umgeht, weiß und erlebt es täglich von neuem, dass er dies Gesetz, diese Forderungen nicht erfüllen kann; er erlebt auch in sich wie die alten Völker der Vergangenheit, dass er in Gott den Richter sehen muss, dessen Strafe er verdient hat; […] dann …

2. Bedeutungsebene:
… in der 2. Bedeutungsebene verwandelt sich dieses Zeichen in seiner Bedeutung, in den Anfangsbuchstaben des Namens Christi, griechisch geschrieben X. Es sagt […], dass mit Jesus Christus die Offenbarung in die Welt gekommen ist, dass Gott nicht allein der zürnende und strafende Richter ist, sondern auch der gütige und verzeihende Vater, der seinen Sohn gesandt hat, […], der uns die Gewissheit gibt, dass wir gläubig zu ihm, dem Vater, aufblicken dürfen und durch den Sohn selbst zu Gottes Kindern werden können, wenn wir glauben, all seiner Gnade vertrauen und in der Nachfolge seines Sohnes leben wollen.

3. Bedeutungsebene:
Das Zeichen nimmt in der 3. Bedeutungsebene die Bedeutung des Andreaskreuzes an. Wir sind entschlossen, den Spuren Christi zu folgen, nicht weit hinten als die Letzten, sondern wie Andreas, der als erster Christus nachfolgte. (vgl. Johannes 1, 38-39) Wir folgen mit […] entschlossener Tapferkeit, wenn es sein muss auch bis zum Märtyrertod wie Andreas. Andreas starb der Legende nach als Märtyrer an einem Kreuz mit schrägen Balken, dem sogenannten Andreaskreuz. Als Todestag wird der 30. November überliefert.
Wer aber bis zu dieser Stufe innerlicher Entwicklung gekommen ist und nun glaubt, er habe sein Ziel erreicht und könne unbeschwert leben, der soll hören, dass jeder Mensch, der bis hierher gelangt ist, doch immer noch und bis an das Ende seiner Tage an das Kreuz der vier Elemente geheftet bleibt, was wir auch denken, fühlen oder tun, wir bleiben gekreuzigt an das Irdische, […]. Nur haben wir die Möglichkeit, diese unsere Elemente in Ordnung zu bringen. Diesen Zustand innerer Ordnung drückten unsere Vorfahren durch die vier gleich langen Balken des Schrägkreuzes aus, die vier rechte Winkel bilden. Wer ein solches Zeichen als das Symbol seines irdischen Daseins ansehen kann, ist […] sehr weit gelangt.

Dies können u.a. die drei Bedeutungsebenen vom Symbol des Andreaskreuzes offenlegen, wenn die freimaurerische Methodik angewandt wird und insbesondere wenn die Inhalte der Andreasmaurerei umgesetzt werden.


vgl. Carl Happich. Anleitung zur Meditation. 4. Auflage. G. G. Verlag & Buchhandel. Oberursel 2014.